Theater - Was ist Zeit? - "Radierberg" als Abschluss der Festivalwoche - Wiener Zeitung Online

2021-11-23 06:22:14 By : Mr. William Lam

Ihr Glück: Aus produktionstechnischen Gründen konnte der letzte Programmpunkt der diesjährigen Wiener Festwochen erst für die dritte Novemberwoche angesetzt werden – ein Risiko in Zeiten einer Pandemie, ansonsten aber die 2020 verschobene Europatour von Regisseur Toshiki Okada und seine japanische Firma chelfitsch Wien hätte wegfallen müssen. Genau zwischen der Ankündigung und dem Beginn des neuen Lockdowns wurde das Gastspiel der Koproduktion „Eraser Mountain“ dreimal nach 2G in Halle G im Tanzquartier Wien gezeigt.

"Eraser Mountain" klingt wie der Titel eines epischen Science-Fiction-Action-Horrorfilms oder so ähnlich. In der deutschen Übersetzung "Erasergummiberg" verliert es etwas von seinem Pathos. Radiergummis sind so ziemlich das einzige Objekt, das in Teppei Kaneujis Wimmelbild-Set nicht zu finden ist.

Eraser Mountain Theater Wiener Festwochen Museumsquartier, Halle G

Die 1978 geborene Künstlerin beschäftigt sich mit der Kommerzialisierung in Japan und gestaltet Skulpturenparks aus Fundstücken. Also auch hier: Kaum ein freier Quadratmeter auf der Bühne. Die sechs Spieler pirschen zunächst durch ein Meer aus Kugeln unterschiedlicher Größe, einen Mixer, die fotorealistische Bemalung einer Katze, Pfeifen und andere, meist nicht zu identifizierende Gegenstände. Es gibt eine Probesitzung, die Teile werden in eine Kamera gehalten und dort spannungsfrei auf eine Fläche projiziert, als ob niemand zusah.

Die Teilnehmenden unterhalten sich manchmal wütend – anfangs sind kaputte und funktionierende Waschmaschinen das beherrschende Thema, dann werden die Texte philosophisch, futuristisch und sogar politisch – manchmal verrichten sie ihre Arbeit einfach im Schweigen. Später wird einer der Spieler ein Gerät auf einem Spielplatz beschreiben, das nur aus Löchern besteht. Ein Kollege im Video wird ihn fragen, was er denkt, was es ist? Als Betrachter des dort auf der Bühne befindlichen plastikfarbenen Ersatzteillagers kann man sich leicht in die ratlose Lage versetzen. "Klimaanlage?" Er denkt. "Eine Zeitmaschine", sagt die Frau im Video. Ihr Name ist Izumi Aoyagi, und danach hat sie die Bühne für sich allein und spricht über die Zeit als das größte Problem der Menschen. Wir hätten keine Ahnung, wie spät es ist. Sie sagt diese Dinge sehr leise, natürlich auf Japanisch, und macht seltsam unmenschliche Bewegungen (ein Markenzeichen von Toshiki Okada, der schon oft bei den Wiener Festwochen zu Gast war). Außerdem wird das Licht gedimmt und nur das Wasser in einer kleinen Fontäne spritzt vor sich hin.

Wenn man nicht auch die Übertitel lesen müsste - die übrigens hervorragend waren, vorbereitet von Andreas Regelsberger und Aya Ogawa - wäre es einer der bezauberndsten Theatermomente des Jahres. Leider müssen die meisten. Nicht nur deshalb quält dieser lange Abend über weite Strecken in seiner Sperrigkeit und lässt deutlich die Zeit spüren. Der Kulturtransfer hat hier einfach nicht funktioniert, denkt und fühlt man sich schlecht, weil man dieses performative Werk als etwas Exotisches, ohnehin undurchdringliches empfindet, dessen Museumsfassung, die im Februar 2020 eröffnet wurde, Ihrem Medium sicherlich besser dient. Bis dahin, zugegeben sehr spät, fliegt einem unerwartete Poesie entgegen.

Zum Abschluss zum Beispiel. Die Bühne wurde komplett neu arrangiert, sieht aber immer noch so aus wie am Anfang. Nach und nach geht das Licht aus und eine Stimme erzählt von Dingen ohne Publikum: "Die wenigen Lieder aus der Musik-App auf dem Smartphone, die aus Versehen abgespielt wurden und über die Kopfhörer kamen, hatten kein Publikum." Oder: "Das an einer Kiefer hängende Badetuch hatte kein Publikum." Man muss nur lange genug durchhalten und dann wirkt Kunst plötzlich nicht mehr fremd.